Schachgipfel oder die Leiden des Seniors M.

Die Deutschen Meisterschaften beim Schachgipfel in Dresden gehen auf die Zielgeraden. Bei den Senioren 50+ hat Markus noch alle Chancen das Siegerpodest zu erreichen. Nach der Verteidigungsleistung in Runde 4 folgte ein souveräner Sieg in Runde 5, so dass gestern am Spitzenbrett die Spitzenpaarung mit Markus lief.

Die Mattdrohung im 15. Zug war vielleicht schon der Anfang vom Ende, denn in einer komplexen Stellung übernahm sein Gegner (D. Kaiser) die Initiative gegen den zentralen schwarzen König und im 25. Zug bei etwa drei Minuten Restbedenkzeit verlor Markus den Faden, so dass sein Gegner alle Schwerfiguren gegen den König in Spiel bringen konnte und Markus schon vor dem 40. Zug matt gesetzt worden ist.

Stellung nach 28…Dc2:

29.e6! fxe6 30.Lb4+ Sxb4 31.Dxb4+ Ke8 32.Te1 und Schwarz kann sich nur noch aussuchen, wie er mattgesetzt werden möchte:

32…Ta7 33.Txe6+ Kd8 34.Tf8+ Txf8 35.Dxf8+ Kc7 36.Df7+ Kd8 37.Te8#

Heute sollte mit Weiß die Aufholjagd auf den Führenden folgen, aber es kam anders, denn sein Gegner zeigte, dass ein Springerpaar eine beachtliche Stärke hat – bei allen folgenden Kommentaren ist zu beachten, dass ich mir die Partie bequem mit technischer Hilfe ansehen konnte und nicht nur meinen eigenen Kopf nutzen musste:

M. Hochgräfe – G. Löw, DtSenEM 50+, Runde 7 am 23.07.2026
Stellung nach 27.Td1:

Schwarz sollte nun seinen aktiven Turm zurück ziehen, z.B. 27…Tc7, um abzuwarten. Doch Schwarz entschied sich zum Turmtausch, um einen Bauern zu gewinnen:

27…Txd1?! 28.Kxd1 Sd3 – was soll Weiß gegen diesen Angriff auf den Bauern b2 tun?

Mit etwa 2,5 Minuten gegen 12 Minuten ist es unmöglich hier alle Feinheiten zu erkennen, aber tatsächlich erscheint es am besten, den Läufer besser ins Spiel zu bringen: 29.Lf1! Sxb2 30.Kc2 Sa4 31.Kb3 und nun hat Schwarz die Wahl 31…Sc5 oder 31…f5.

A) 31… Sc5 32.Sxc5 bxc5 33.Ld3! (33.Kc4? Kd6! -+) Der weiße Läufer möchte nach g6 und hält dadurch die Stellung im Gleichgewicht, z.B. 33…f5 34.e4! Nur so kann Weiß den Druck auf die weißen Bauern aufrecht erhalten.

B) 31…f5 32.Kxa4 fxe4 schränkt den weißen Läufer stärker ein. Nach 33.Kb5 Sc3+ 34.Ka6 gibt es noch einige wilde Varianten, die vermutlich nur der Rechner zum Remis führt.

29.b3? Der Partiezug gibt Schwarz eine große Chance!

29…f5 ist hier nur der zweitbeste Zug und wurde nach etwa 30 Sekunden Bedenkzeit gespielt. Die beste schwarze Fortsetzung sollten wir uns im nächsten Training einmal ansehen!

30.Sg5 Sxf2 31.Ke2 Sd1! Der Bauer auf f2 ist nicht vergiftet, denn der Springer von d5 steht bereit, eine Figur zurück zu holen. Ebensolches gilt für den Springer auf d1:

32.Lxd5? Sc3+ 33.Kd3 Sxd5! und Schwarz steht auf Gewinn!

In der Diagrammstellung ist zu meiner eigenen Überraschung der Zug 32.e4 sehr stark! Nach 32…S1c3+ 33.Kd3 Sxe4 34.Lxe4 fxe4 35.Kxe4 ist der schwarze Vorteil nicht mehr so groß, obwohl Schwarz einen Freibauern hat. In der Partie kann Schwarz nach 34.e4 Sc7 spielen, ohne auf e4 tauschen zu müssen. Es folgte:

34.Kd4 Sf6 35.b4 Sd7 36.Kc4 a6?! – Hier wäre 36…Se5+ nebst Sf3 der einfache Weg zum Gewinn gewesen.

37.Kd4 Kf6 38.Sh7+ Ke7 39.Sg5 Sf8 40.a4 Sg6 41.a5 bxa5 42.bxa5 Kd6 43.Sf7+

Was soll Schwarz machen? – Wie kann Schwarz seinen Vorteil verwerten? – Die Entscheidung fällt nach etwa 10-minütigem Nachdenken:

43…Kc6? 44.Sd8? Kb5? 45.Sxe6 Kxa5

Mit der Uhr im Nacken werden die falschen Entscheidungen getroffen. Die schwarze Gewinnidee besteht darin, die eigene Bauernmehrheit in Bewegung zu setzen, also 43…Ke7 44.Sg5 e5+ und nun muss sich der weiße König entscheiden. Geht er auf die 5. Reihe folgt f5-f4 und Schwarz hat schon einmal einen Freibauern!
Der 44. Zug von Schwarz ist die Fortsetzung der falschen Idee – hier war noch 44…Kd7 im Gewinnsinne möglich, denn 45.Sb7 e5+ und wieder bringt die Idee f4 Schwarz die Initiative zum Gewinn!

Daher war 44.Se5+ der beste weiße Zug! Der Übergang in ein Bauernendspiel mit Minusbauer sieht alles andere als attraktiv aus, aber ist besser als die möglichen Verlustwege im Springerendspiel. – Viel Platz für Analysen im nächsten Training!

Die Partie endete nach 46.Kc5 Ka4 47.Sd4 a5 48.Sxf5 Kb3 49.Kb5 a4 50.Sd4+ Kc3 51.Kxa4 Kd3 52.Sf5 Ke4 53.Sg7 Sxh4 54.Sxh5 Sf5 55.Sf6+ Kxe3 56.Sxg4+ remis

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, eine Partie gespielt zu haben, die mit einer Gewinnstellung nach dem 40. Zug eigentlich nur ein Ergebnis liefern sollte? – Dann ist da am Ende noch diese geringe Zeitreserve, die die „schöne Partie noch verdirbt“!? – Mir ist es jedenfalls oft schon so gegangen, aber da lässt sich ja das ein oder andere im Training machen!? – Mein Buchtipp:

https://www.schachversand-ullrich.de/Gottuk-Instruktive-Schachendspiele-aus-der-Praxis/10074